Reinlesen

Jan Philipp Heilgenthal

Automatic Outlaw

Häfen, so nennen sie in Österreich den Bau, denkt er jetzt am Pier, und daß es so nicht weitergehen kann, der Prozeß läuft ja nicht von selbst ab, hinter seinem Rücken vielleicht, besser hinter seinem Kreuz, das war immer schon breit, breiter als das seiner Mitschüler, später dann als das seiner Kollegen, nur hatte er eben immer sein Päckchen zu tragen, Geschenk vor allem Anfang, wenn auch beileibe keine Gabe: deine Wut bringt mich noch einmal unter die Erde, hatte seine Mutter immer gesagt, im Grab lande ich wegen dir und du im Gefängnis, und jetzt, vierzig Jahre später, wo seine Mutter längst im Heim sitzt, quasi einsitzt und glücklich ist, wenn sie ihn an Besuchstagen wie seinen vor aller Zeit verschollenen Vater Paul nennt oder Peter, da hat er keine Wut mehr, da hat er die Mauern längst hinter sich gelassen, die ihm lange Jahre Haß waren und Heim, da steht er jetzt an diesem Hafen und das abgelaufene Federwerk seines früheren Lebens läßt seinen Blick auf dem Meer verharren und (solange er es eben ertragen kann) auf der grandiosen, aber grundlosen Architektur der Wolken.

//Blumenfresser 211//


Lutz Steinbrück

Splitter

verwaiste Maschen
in geklärter Luft blähen sich Hosenbeine auf

einen Stoß mehr oder weniger
halten sie aus, hier

wächst hartes Holz
wo sich die Engel als Insekten tarnen

ist die Sonne verpixelt und wortkarg
holen die Felder ihre Andenken heim

als wäre nichts gewesen

Luftbild

schließ deine Augen
in meine Richtung
spürst du das Zittern
leicht

fall' ich in Gedanken an
die falschen Stellen zurück
in abschüssige Richtungswechsel
ein halbherziges Blühen

die Landschaft: unverdächtig
wie eine fremde Sprache
lausche ihr nach
auf dem Weg ins Trockendock

egal, welche Art von Verschwinden
du da übst
am liebsten lese ich dich nachts

//Blumenfresser 211//

Isabella Vogel

Gondelsong

Ich komponier' dir kein Lied ohne Noten,
dafür mit Toten, Baby

als wir noch Babys waren und ins Weiße schlüpften
fuhren die Toten schon Gondel durch die Blutbahnen,
versteckten ihre Tagebücher unter Urlaubshüten
als wir noch Babys waren.

Das können wir nicht ausbaden.
Meine Finger schrumpeln schon, ich hab zu lange
in der Wanne gelegen, versucht eine Gondel anzulegen.
Vergebens. Es hat keinen Sinn. Es hat aber 'was. Das
können wir nicht ausbaden.

Komponier' mir kein Lied ohne Musik,
wenn ich unter dir lieg'.

Dann stütz ich mir den Schädel ab. In der Augenkuhle
halt' ich ihn fest. Die Knochen sind zart, nur der
Neuronenpudding ist schwer. Unterhalten wir uns leise,
das ist ein Auslöffeln des anderen. Quatsch mich leer!
Dann stütz ich mir den Schädel ab.

Ich komponier' Dir kein Lied ohne Karajan,
aber dazu können wir später noch Gondel fahr'n.

//Blumenfresser 109//